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Haustex - 3/21

Paul Mohr, Vossen: „Wir wollen urban, chic und nachhaltig sein“

Paul Mohr gehört zu den Unternehmern, die weit über den eigenen Tellerrand schauen. Im Haustex-Interview spricht er über die Herausforderungen der Digitalisierung, über Nachhaltigkeit und unternehmerische Verantwortung, aber auch darüber, wie er aus Vossen eine Weltmarke mit einem modernen Image machen will.

Haustex: Herr Mohr, wie ist Ihr Unternehmen bislang durch die Corona-Zeit gekommen?

Paul Mohr: Es war die bislang forderndste Zeit meines beruflichen Lebens, mit vielen Unsicherheiten gepaart. Als Österreich im März/April 2020 in den ersten Lockdown gegangen ist, waren die drei großen Fragen für uns: Wann sperren die Geschäfte wieder auf – und welche? Und wie verhält sich der Konsument? Für mich überraschend war, dass mit dem Öffnen der Geschäfte die Menschen nicht nur in Österreich begonnen haben, in ihre vier Wände zu investieren.

Haustex: Haben Sie eine Erklärung hierfür?

Mohr: Ich glaube, wir Menschen haben es ganz tief in unserem Unterbewusstsein: Wenn es ungemütlich wird, wenn sozusagen der Säbelzahntiger vor der Höhle steht, dann heißt es ab in die Höhle – und schauen, dass das Feuer nicht ausgeht… Genau so haben wir uns verhalten.

Haustex: Die Krise ist also gar nicht so negativ?

Mohr: Die Umsätze in unserer Warengruppe waren gut. Und das hat sich wiederholt. Profitiert hat meines Erachtens vor allem der Distributionskanal des Möbelhandels. Die Menschen sind nicht in Urlaub gefahren, sondern haben ihr Zuhause verändert. Wir sehen auch jetzt nach Lockdown 3, dass die Nachfrage nach Interior-Produkten hoch ist: Von der Küche übers Schlafzimmer bis ins Badezimmer gibt es ein Bedürfnis zu investieren.

Haustex: Und das betrifft neben den großen Einrichtungsgegenständen auch die begleitenden Textilien?

Mohr: Wir verkaufen kein Investitionsgut, sondern ein Mitnahmeprodukt. Und wir merken: Wenn Frequenz im Handel ist, dann läuft unsere Produktgruppe, wenn die Menschen in die Läden gehen, kommen sie auch an den Fachsortimenten nicht vorbei. Insofern hat unsere Produktgruppe gut funktioniert, worüber ich extrem glücklich und demütig bin.

Haustex: Der stationäre Handel war lange geschlossen. Wie hat sich das auf Ihre Vertriebswege ausgewirkt?

Mohr: Der Onlinehandel war sicher der Profiteur dieser Situation. Die Digitalisierung hat im vergangenen Jahr einen enormen Push bekommen und alles verändert: wie wir arbeiten, wie wir kommunizieren. Viele Menschen, die bisher vor allem im stationären Handel unterwegs waren, beschäftigen sich intensiv mit dem Online-Thema. Jeder Händler, der in dieser Zeit gute Online-Lösungen anbieten konnte, hat massiv davon profitiert.

Haustex: Das beschreibt die Beziehung zwischen Händler und Endkunde. Was hat sich bei Ihnen verändert?

Mohr: Bei uns hat es vor allem zwei Initiativen gegeben, die unser Arbeiten massiv verändert haben. Wir sehen uns als starken Partner des Handels, also war es primär wichtig, die Kommunikation mit unseren Händlern aufrecht zu erhalten, aber ihnen auch den Weg nach vorne zu zeigen und Innovationen und Produktneuheiten zu präsentieren. Also haben wir Anfang Mai unser erstes TV-Studio in der Firma eröffnet, mit dem wir an unsere Händler herangetreten sind, um live aus unserem Atelier unsere Produktneuheiten vorzustellen. Das war im Vorfeld der ABK Open, wir hatten all unsere neuen Konzepte fertig – hatten aber keine Plattform, um sie zu präsentieren, und sind somit diesen Weg gegangen.

Haustex: Wie wurde das angenommen?

Mohr: Wir waren begeistert, wie produktiv wir plötzlich waren und wie schnell wir uns auf die neue Situation einstellen konnten. 40 Vertriebspartner in 40 Ländern, Importeure, Großhändler und weltweit tätige Agentenwurden geschult und über alle Neuigkeiten informiert. Das hat uns eine sehr gute Initiative über den Sommer gegeben und hat maßgeblich zum Geschäftserfolg beigetragen.

Haustex: Trotzdem fehlte die physische Messe-Präsenz…

Mohr: Die Heimtextil ist in jedem Jahr unser wichtigster Messeauftritt, in den wir sehr viel Energie stecken, um einen wirklich spannenden Auftritt zu garantieren. Es war schnell klar, dass das in diesem Jahr nicht möglich sein wird. Kurzerhand haben wir uns entschlossen, unser Know How in die Digitalisierung zu investieren. Mit der Messe Digitex hat es in Deutschland eine tolle Initiative gegeben mit dem Ziel, die weltweit erste digitale Heimtextilmesse zu veranstalten. Als ich davon gehört habe, dachte ich: Das ist genau die richtige Bühne, die es in dieser Zeit braucht.

Haustex: Wie haben Sie dieses Neuland betreten?

Mohr: Wir haben uns mit Programmierern und kreativen Köpfen zusammengetan und innerhalb von sechs Wochen einen kompletten digitalen Messestand mit 3D-Animationen gestaltet. Auch hier haben wir versucht, all unsere weltweit tätigen Kunden bestmöglich mit Informationen zu versorgen, nach vorne zu blicken, die nächsten Monate zu planen und zu überlegen, wie die wir gemeinsam die Digitalisierung am effektivsten nutzen können. Ich sehe es als absolute Errungenschaft, dass es uns mit Kreativität in der Not gelungen ist, das, was eine Messe sein soll, zu verwirklichen: einen Treffpunkt zwischen Industrie und Handel. Eine Plattform, um gemeinsam wirtschaftlich tätig zu sein und sich über neueste Innovationen und Produktsortimente auszutauschen.

Haustex: Mit Kreativität alleine dürfte Ihnen das aber nicht gelungen sein…

Mohr: Natürlich ist das ein gewisses Investment. Aber wenn ich darüber nachdenke, sehe ich große Vorteile. Es ist kein Investment, das nach drei Tagen wieder abgebaut, hunderte Kilometer transportiert, eingelagert oder entsorgt werden muss. Es ist deutlich ressourcenschonender, und der Nutzen ist groß. Und, so fair muss man sein: Verglichen mit einer physischen Messe ist es deutlich kostengünstiger.

Haustex: Wie bewerten Sie die Digitex-Messe?

Mohr: Um ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern: Es war natürlich eine gewisse Unsicherheit zu spüren. Sowohl bei unseren Mitarbeitern, als auch bei unseren Kunden. Niemand konnte sich so genau vorstellen, was dort passiert und wie die wichtigsten Key Facts vermittelt werden können. Zwei Tage vor Messestart hatten wir mit unseren Mitarbeitern einen Trainingstag, bei dem man rasch erkennen konnte, dass die Scheu geringer und das Selbstbewusstsein immer größer wurde, mit dieser Technologie umzugehen. Als das Handwerkliche klar war, wuchs spürbar der Ehrgeiz, möglichst viele Messebesucher, die den Vossen-Stand betreten, zu bedienen und ihnen unsere Neuigkeiten zu präsentieren.

Haustex: Das Prinzip, einen Stand zu betreten, von einem Verkäufer in Empfang genommen und bedient zu werden, funktioniert also auch digital?

Mohr: Unser Anspruch war: Es muss digital genau so sein wie auf einer physischen Messe. Das Spannende ist, dass der Output und der Nutzen 1:1 der Gleiche waren. Wir hatten eine Vielzahl von persönlichen Führungen über den Stand. Und am Ende des Tages gelang es uns, das Gleiche zu erreichen wie auf einer physischen Messe. Wir hatten alle Entscheider aus Deutschland, Österreich und der Schweiz an unserem Stand. Alle wissen jetzt genau, wie unsere neuen Kollektionen aussehen und in welche Richtung wir arbeiten.

Haustex: Die fehlende Haptik Ihrer Produkte war kein Thema?

Mohr: Es war uns wohl bewusst, dass das ein Thema ist. Wir haben daher im Vorfeld der Messe an all unsere Key Accounts so genannte Digi-Boxen verschickt. Darin waren alle Original-Muster und alle Kataloge – also all das, was man sonst in Frankfurt in die Hand bekommen hätte. Bei der Vorstellung der Produkte hatten die Kunden dann die entsprechenden Muster in der Hand. Und selbst, wenn jemand keine Zeit zum Besuch der Messe gehabt hätte, würden wir ihm unseren Stand auch im Nachhinein noch zeigen können.

Haustex: Das klingt fast, als sei ein persönlicher Messebesuch vor Ort gar nicht mehr notwendig.

Mohr: Bei Vossen ist der CO2-Fußabdruck ein wichtiges Thema, über das wir uns viele Gedanken machen. Unser Ziel ist es, das nachhaltigste Frottierwerk der Welt zu sein, und ich bin überzeugt, dass wir es in vielen Bereich schon sind. Gerade die kurzen Transportwege sind ein enormer Vorteil für den europäischen Markt. Wir haben im Rahmen der UN-Sustainability-Goals einmal ausgerechnet, was es bedeutet, eine Messe für 1.000 Personen über zwei Tage zu veranstalten, einschließlich der Mitarbeiter, die anreisen müssen, der Ware, des Ladenbaus und so weiter. Ein solches Event verbraucht genau so viel CO2 wie 206 US-amerikanische Haushalte in einem Jahr. Es ist also eigentlich unglaublich, was wir hier an CO2 einsparen könnten, wenn wir diese Dinge, die einfach zur Pflicht gehören, digital präsentieren würden und nicht mehr physisch.

Haustex: Das wird man an einem Messeplatz wie Frankfurt nicht so gerne hören, wo sie immer sehr eindrucksvoll auftreten. Welche Lehren ziehen Sie aus Ihrem Auftritt bei der Digitex-Messe, und was heißt das aus Ihrer Sicht zukünftig für Präsenzveranstaltungen?

Mohr: Ich glaube, dass sich die Messeindustrie, wie die Veranstaltungs- und Kongressindustrie verändern wird. Es wird selbstverständlich werden, dass es zu jeder analogen Messe auch einen digitalen Part gibt und es künftig viele hybride Formate geben wird. Die Frage ist: Was muss man physisch zeigen – und was kann man digital machen? Meiner Meinung nach werden die Stände tendenziell etwas kleiner werden. Auch wenn man das vielleicht nicht gerne hören mag, aber hier ist gerade eine Revolution in Gang gekommen, die wahrscheinlich nicht mehr aufzuhalten sein wird.

Haustex: Aber eine Präsenz auf der Heimtextil oder der ABK Open steht für Sie nicht in Frage, oder?

Mohr: Ich möchte das auf jeden Fall wieder planen, glaube aber, dass sich die Messestände verändern werden und dass es dabei viel mehr um digitalen Content gehen wird. Dass man beispielsweise keinen physischen Showroom mehr bauen muss und es reicht, dass ein Regal dort steht und man sich über Virtual Reality in 3D-Räumen bewegen kann. Vielleicht kann man es ein wenig mit der Automobilbranche vergleichen: Früher war ein Autohaus mehrere zehntausend Quadratmeter groß, und es wurde jedes Modell in verschiedenen Farben ausgestellt. Tesla hat gezeigt, dass ein kleiner Showroom mitten in der Innenstadt ausreicht, wo man alle Möglichkeiten konzeptionell präsentieren kann.

Haustex: Das Beispiel zeigt, wie sich das Thema Retail in bestimmten Bereichen verändert hat. Was aber heißt das für den Verkauf von Frottierwaren?

Mohr: Wir merken in Zeiten von Social Shopping und einer Instagramgetriebenen Welt, dass es oft nicht mehr ausreicht, nur ein reines Produkt zu präsentieren. Die Menschen wollen eine Geschichte dazu, sie wollen mehr wissen, Content haben. Es wird die Herausforderung sein, nicht nur ein rotes oder grünes Handtuch zu zeigen, sondern deutlich mehr Inhalt herauszuarbeiten. Das ist das große Umdenken: weg vom reinen Produktdenken, hin zu konzeptionellen Inhalten. In dieses Denken, das sage ich ganz offen, muss man erst einmal hineinfinden. #vossen_towels

Haustex: Wieviel Arbeit liegt da noch vor ihnen? Die klassischen Handelsflächen sind ja noch sehr konventionell gestaltet.

Mohr: Das ist richtig. Wir arbeiten hier an Konzepten, die wir gemeinsam mit unseren Händlern ins Leben rufen wollen. Es wird künftig ein zentraler Bestandteil der Partnerschaft sein, dass man den Kunden über sein Bedürfnissen abholt. Mal bestellt er, mal geht er ins Geschäft, mal lässt er sich die Ware in einen bestimmten Laden schicken – diese ganzen Touchpoints und die dazugehörigen Prozesse müssen wir bestmöglich abbilden. Das Anspruchsniveau steigt massiv – warum sollte es auch anders sein?

Haustex: Das haptische Erleben der Ware ist digital nicht darstellbar. Gleichzeitig erlebt der Kunde beim Onlineshopping aber trotzdem Inspiration, gepaart mit einem schnellen, unkomplizierten Service. Wie gehen Sie mit dieser Herausforderung um?

Mohr: Wir müssen die Brücke zwischen der analogen und der digitalen Welt bauen. Der Kunde ist ungeduldiger geworden, kommt oft schon mit konkreten Vorstellungen und weiß genau, was er möchte. Schnelligkeit ist daher meiner Meinung nach ein entscheidender Faktor. Nicht nur die Frage, wie schnell die physische Ware zum Kunden kommt. Wenn der Kunde ein Problem hat, dann will er sofort eine Lösung, wenn er eine Frage hat, möchte er schnell und ohne viel Aufwand eine Antwort erhalten.

Haustex: Wie kann er die bekommen?

Mohr: Ich glaube, dass sich das Thema der Beratung aktuell massiv in den digitalen Bereich verlagert. Für ein standardisiertes Produkt, das keine Beratung erfordert, nutzen die Menschen ihre Online-Kanäle. Wenn ihnen die Orientierung fehlt oder sie eine Frage haben, die sie vielleicht noch gar nicht genau formulieren können, ist das der letzte Grund, für den sie bereit sind, einen Laden zu betreten. Also müssen wir digitale Lösungen nutzen. Da gibt es heute gute Beispiele mit Chatfunktionen und der Möglichkeit, sofort eine Kamera einzuschalten. Wir Menschen haben ja mittlerweile die Angst verloren, unser Gesicht vor der Kamera zu zeigen, das war vor einem Jahr noch ganz anders. Und mit diesen digitalen Möglichkeiten bekommen wir heute eine ganz andere Geschwindigkeit hin: Der Kunde hat eine Frage, sucht sich einen Anbieter, die Kamera geht an, der Verkäufer beantwortet die Frage und sagt: In zwei Tagen haben sie das Produkt zu Hause.

Haustex: Sie haben gesagt, man müsse den Kunden über seine Bedürfnisse abholen. Ist vor diesem Hintergrund das Thema Social Shopping, also der Verkauf über soziale Netzwerke wie Facebook oder Instagram, für Vossen schon ein Thema?

Mohr: Wir arbeiten mit einer Projektgruppe daran, da ich glaube, dass Live-Shopping den Handel noch einmal massiv verändern kann, weil dort die Beratung digital zum Kunden kommt. Wir wissen aus China, dass dort in sehr großer Zahl Verkäufer, die sonst in den Läden arbeiten, zu Live-Shoppern ausgebildet werden. Ich persönlich finde es nicht schlecht entscheiden zu können, ob ich in einen Laden gehe, um mich beraten zu lassen, oder die möglicherweise gleiche Person digital kontaktieren zu können, um mir auf diesem Weg bei meiner Kaufentscheidung helfen zu lassen. Das wird kommen.

Haustex: Vossen, Sie haben es gesagt, soll das nachhaltigste Frottierwerk der Welt werden. Welche konkreten Maßnahmen haben Sie hierfür bereits ergriffen, und was ist die Perspektive in nächster Zeit?

Mohr: Das Thema Nachhaltigkeit ist eine der wichtigsten strategischen Säulen im Unternehmen. Wir haben ein Programm mit dem Namen „VOSSEN respect – for our future“ welches auf drei Säulen steht. Da ist zum einen die nachhaltige Produktion in Österreich. Wir produzieren hier in einem Naturpark und tun alles Denkbare, um die Ressourcen, die wir hier vorfinden, sorgsam zu behandeln. Das Zweite ist eine strategisch sehr langfristige Ausrichtung. Wir tun heute Dinge, die sich wahrscheinlich erst in zehn oder zwanzig Jahren rechnen. Etwa die komplette Wärmedämmung unserer Dächer. Solche Investitionen ergeben nur Sinn, wenn man vorhat, auch in den kommenden Jahrzehnten vor Ort sein Geschäft zu betreiben. Und das Dritte ist ein sehr respektvoller Umgang mit all unsere Stakeholdern. Vom Baumwollbauern über unsere Mitarbeiter bis hin zu all unseren Partnern. Alles mit dem Ziel, aus dem kleinen Nest heraus, in dem wir uns an der ungarisch-slowakischen Grenze befinden, eine Weltmarke aufzubauen.

Haustex: Wie schlägt sich das Nachhaltigkeitsthema bei den Produkten nieder?

Mohr: Wir haben das Ziel ausgegeben, bis 2025 zu hundert Prozent Bio-Baumwolle zu verarbeiten. Vor zwei Jahren war Vossen das erste Unternehmen, das eine hundert Prozent vegane Linie auf den Markt gebracht hat. Dafür sind wir anfangs viel belächelt und gefragt worden, ob man die Handtücher jetzt essen könne. Das zeigt, dass dieses Thema zwar noch nicht Mainstream ist, aber es kommt. Schauen Sie sich an, wie viele Laufmeter im Lebensmitteleinzelhandel mittlerweile für vegane Produkte zur Verfügung gestellt werden. Zehn Prozent der Deutschen leben mittlerweile vegetarisch, über zwei Prozent vegan. In diesem Thema ist Bewegung. Dahinter zeigt sich ein gewisses Bedürfnis der Menschen, zu dem auch die Textilindustrie ihren Beitrag leisten kann.

Haustex: Sie haben auch das Ziel einer hundert Prozent veganen Produktion bis spätestens 2025 ausgegeben. Ist das nicht sehr ambitioniert?

Mohr: Es gibt bei manchen Programmen noch Inhaltsstoffe, die wir noch nicht substituieren können, teilweise sind das Spezialfasern, in denen man immer noch einen gewissen Anteil tierischer Produkte findet. Da sind wir aber dran. Man merkt aber auch an der Zulieferindustrie, dass diese Themen immer wichtiger werden und dass es ein immer größeres Angebot an Hilfs- und Betriebsstoffen gibt.

Haustex: Worin liegt der Vorteil gegenüber der herkömmlichen Produktion?

Mohr: Der ganz klare Vorteil ist, dass keine tierischen Inhaltsstoffe in den Handtüchern enthalten sind. Das hat zwei Implikationen: einerseits das Tierwohl, aber auch noch ein anderes Mega-Thema. Das Futter, das man an die Tiere verfüttert, wird angesichts der wachsenden Weltbevölkerung für die Ernährung der Menschen benötigt. Damit zusammen hängt die CO2-Belastung durch die Tiere. Wir sind davon überzeugt, dass wir in 50 Jahren unsere Ernährungsgewohnheiten massiv verändert haben werden, um die Menschheit noch ernähren zu können. Wenn man das Futter nehmen würde, das heute die Tiere bekommen, um die Fleischproduktion zu maximieren, würde es keine hungernden Menschen mehr geben.

Haustex: Sie setzen also darauf, dass die Zahl der Kunden, die für diese Zusammenhänge empfänglich sind, auch über die Zielgruppe reiner Veganer hinauswächst?

Mohr: Ja. Es gibt nicht nur die rein vegane Community, sondern auch viele Menschen, die etwa bei der Ernährung offen und flexibel sind und auch insgesamt ein größeres Bewusstsein für ein verantwortungsvolles Handeln haben, auch ohne erhobenen Zeigefinger. Vor allem junge Menschen wollen heute wissen, ob ein Produkt vegan und nachhaltig ist. Getrieben wird das Thema von vielen Vordenkern, die sagen, dass die Fleischproduktion unbedingt zurückgefahren werden muss, um die Erde lebenswert erhalten zu können.

Haustex: Sie haben zuletzt auch ein anti-bakterielles Handtuch auf den Markt gebracht. Hätten sie das auch ohne Corona lanciert?

Mohr: Das ist eine gute Frage. Es ist im weitesten Sinne ein Corona-Thema, weil das Thema Hygiene und das Händewaschen plötzlich allgegenwärtig war. Es gibt Techniken in der Textilausrüstung, wo mit Silberionen etc. gearbeitet wird, um die Vermehrung von Bakterien einzudämmen. Das ist nicht weltbewegend neu, man kennt es zum Beispiel aus dem Bereich Sportbekleidung. Wir haben diese Techniken in unsere Produktion aufgenommen und anschließend von Hohenstein das Zertifikat bekommen, das die antibakterielle Wirkung des Handtuches belegt. Für uns war das ein schöner Beitrag, um die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen, und wir sind mit den Abverkäufen sehr zufrieden.

Haustex: Welche Neuheiten hat Vossen außerdem im Gepäck?

Mohr: Mich freut sehr, dass die Werte der Dachmarke und die Kollektionsaussagen immer stärker ineinandergreifen. Das Ganze wird immer runder. Wir haben für Vossen zwei Glaubenssätze definiert: Wir wollen eine schicke, urbane und coole Firma sein – in der Außengestaltung, vom Produktdesign her, von den Farben. Und auf der anderen Seite wollen wir total nachhaltig sein. Diese Markenklammer soll sich auch in den Produkten widerspiegeln.

Haustex: Was bedeutet das konkret?

Mohr: Es gibt zwei neue Kollektionen. Bei der einen dreht sich alles um das Thema Hanf – für mich einer der spannendsten Werkstoffe überhaupt. Hanf wurde früher in Italien auch das weiße Gold genannt und erlebt aktuell eine gewisse Renaissance. Hanf ist per se antibakteriell. Wenn ein Produkt mindestens 15 Prozent Hanf-Anteil hat, kann man auch hier eine antibakterielle Wirkung ausloben. So haben wir das erste Hanf-Tuch auf den Markt gebracht. Mich begeistert außerdem, dass Hanf sehr wenig Wasser braucht, um zu wachsen – im Gegensatz zur Baumwolle. Er ist also deutlich nachhaltiger im Anbau. Und Hanf hat eine fantastische Saugkraft. Das macht ein gutes Handtuch aus, dass es die Feuchtigkeit schnellstmöglich vom Körper weg transportiert. Wir präsentieren das Programm mit urbanen, coolen Farben. Das wird eine tolle Bereicherung unserer Kollektion.

Haustex: Was ist die zweite große Neuheit?

Mohr: Sie nennt sich Mystic. Hier haben wir uns des Themas der Kreislaufwirtschaft angenommen. Ich denke, es wird das Mega-Thema der Zukunft sein. Wenn wir in Zukunft Produkte entwickeln, müssen wir uns immer fragen, ob dieses Produkt auch kreislauffähig ist, ob es recycelt und wieder aufbereitet werden kann. Hier gibt es gerade in der Textilindustrie sehr viele Initiativen. In Wahrheit träumen wir alle von einer Maschine, in die ich oben die gebrauchten Textilien hineinschütte und unten das frische Garn herausnehme, das ich sofort wieder ausspinnen kann. Wenn das so funktionieren würde, wäre es ein riesen Beitrag für die Umwelt. Denn so hautsympathisch die Baumwolle auch ist, sie braucht sehr viel Wasser und laugt die Böden sehr aus. Man muss also Wege finden, Textilien wieder in den Kreislauf zu bringen. Das ist bei einem Handtuch oder T-Shirt wahrscheinlich relativ einfach. Bei einer Wintersportjacke hat man aber über 50 verschiedene Komponenten, die zu trennen sind, das führt unweigerlich zu Textilmüll.

Haustex: Wie können Sie diesen Müll nutzen?

Mohr: Man unterscheidet hier zwischen Pre-Consumer- und Post-Consumer-Waste. Wir konzentrieren uns auf ersteren, also den Müll, der in den Produktionen anfällt. Das sind zum Beispiel Schnittkanten und Reste. Die nehmen wir und versuchen, neues Garn daraus zu machen. Diese recycelten Fasern mischen wir dann neuen Fasern bei. So bringen wir zumindest einen Teil der Textilien in den Kreislauf zurück. Wir haben ein teilrecyceltes Garn von Gebrüder Otto im Einsatz, es nennt sich Recot. Das sind die ersten Gehversuche. Ich halte es für absolut notwendig, in diese Richtung zu arbeiten. Hier wollten wir vorweg gehen und das erste recycelte Produkt auf den Markt bringen. Wenn man sich Mystic anschaut, dann hat es einen sehr hohen Modegrad, eine tolle Struktur, sehr opulente, schicke Farben. Auch hier finden sie wieder unsere zwei Bereiche: total urban und nachhaltig zugleich. Hier bekommt die Kollektion eine Handschrift, die mir wahnsinnig gut gefällt.

Haustex: Wie läuft die Produktentwicklung einer solchen Kollektion?

Mohr: Die Konzepte entstehen bei uns im Haus, aber wir verfügen nicht über eine eigene Spinnerei. Wir kaufen Garn zu und haben uns hier auf die Suche nach Garnen gemacht, die bereits einen recycelten Anteil haben. Hier gibt es seit Jahren eine enge Geschäftsbeziehung zu Gebrüder Otto, die immer wieder Spezialitäten auf den Markt bringen und als einer der ersten dieses Thema besetzt haben.

Haustex: All diese Themen, die eine bestimmte Haltung voraussetzen, waren lange in der Öko-Nische zu finden. Hat das Verbraucherbewusstsein hier durch Corona einen Schub bekommen?

Mohr: Meiner Meinung nach ja, weil man die Dinge heute stärker hinterfragt. Wir spüren, dass das Bedürfnis nach Werten wieder gestiegen ist. Fast Fashion fühlt sich nicht mehr richtig an. Ich glaube, dass Corona nicht nur unsere Arbeitswelt und unsere Arbeitsweisen verändert hat, sondern wir uns alle überlegen, was wirklich wichtig ist im Leben.

Haustex: Lassen sich denn Massenprodukte und Nachhaltigkeit so ohne weiteres in Einklang bringen, ohne dass entweder die Qualität leidet oder der Preis zu hoch wird?

Mohr: Es bringt nichts, das nachhaltigste und tollste Produkt zu entwickeln, es aber so luxuriös zu positionieren, dass es sich kaum jemand leisten kann. Wirkung entfaltet sich nur, wenn ich Masse mache. Es hilft einem Baumwollbauern nichts, wenn er nur ein Prozent Fair-Trade-Baumwolle herstellt. Er muss hundert Prozent herstellen und etwas mehr dafür bekommen, damit er ein würdiges Leben führen kann. Wir müssen auch über die Masse gehen, damit diese Themen für die Welt auch eine Wirkung haben. Da nehme ich für unser Unternehmen in Anspruch, dass wir immer versuchen, ein sehr gutes Preis/Leistungsverhältnis anzubieten. Wir reizen die Preise nach oben nicht aus, wir wollen kein Luxusprodukt anbieten, sondern ein Produkt, das sich möglichst viele Menschen leisten können. Auch das ist ganz klar in unserer Strategie festgehalten.

Haustex: Neben dem Thema Nachhaltigkeit haben Sie bereits mehrfach betont, dass Sie Vossen als urbane und coole Marke positionieren wollen. Können Sie noch ein Beispiel nennen?

Mohr: Wir sind in den letzten Jahren Kooperationen mit jungen Designern eingegangen. Aktuell ist es eine Kooperation mit einer der coolsten Brillenmarken: Andy Wolf, eine kleine österreichische Firma, die im absoluten Luxussegment tätig ist und es geschafft hat, gerade im amerikanischen Celebrity-Bereich viele Fans zu entwickeln. Wenn Sie die Vogue aufschlagen sehen Sie: Stars wie Oprah Winfrey oder Lady Gaga tragen Andy-Wolf-Brillen, Rihanna hat sie im vergangenen Jahr in Nizza getragen – es ist ein richtiges It-Piece der High Society in den USA geworden. Mit dieser Marke haben wir in diesem Jahr eine Kooperation, wo es passend zur neuen Sonnenbrillen-Kollektion gewisse Vossen-Frottier-Accessoires gibt. Das wird nicht nur über uns vertrieben, sondern ganz stark über Optiker. Die 2.000 schicksten Optiker in Europa bekommen von Andy Wolf ein POS-Paket, mit dem sie ihre Schaufenster dekorieren können. Dazu ist viel geshootet worden, und es gibt eine große Social-Media-Kampagne.

Haustex: Welche Accessoires steuert Vossen hier bei?

Mohr: Es ist ein Strandtuch dabei, ein Bademantel, aber es gibt auch ein total cooles Frottierhemd, einen Frottier-Sonnenhut und eine Frottier-Strandtasche, ein Frottier-Brillenetui und Frottier-Srunchies für die Haare. Hier sind wir absolut im Bereich der High-Fashion. Ab Mai wird es eine starke Social-Media-Kampagne geben. Bei vielen namhaften Influencern wurde bereits großes Interesse verkündet .

Haustex: Andy Wolf und Vossen – wer hat da wen gefunden?

Mohr: Wir versuchen manchmal, bewusst aus dem Badezimmer herauszugehen, um Dinge zusammenzuführen, die auf den ersten Blick vielleicht nicht zusammenpassen. Das Schöne ist: Wir haben in den letzten Jahren stark gesucht, jetzt habe ich das erste Mal das Gefühl, dass man uns auch findet und sieht, welche starken Kooperationspartner wir in den letzten Jahren schon hatten. Jetzt kriegen wir auch Anfragen von außen – Andy Wolf ist auf uns zugekommen, wofür ich sehr dankbar bin – das ist einfach eine tolle Firma!

Haustex: Wie laufen Ihre beiden Lizenzmarken Bugatti und Esprit?

Mohr: Es war eine strategische Entscheidung, noch zwei weitere Lizenzmarken aufzunehmen und wir sind mit beiden Marken sehr glücklich. Wir können unseren Partnern mittlerweile ein sehr spannendes Drei-Marken-Konzept anbieten: Vossen für die urbane, schicke Dame, Esprit für die etwas konsumigere jüngere Dame. Mit Bugatti haben wir ein sehr enges Konzept für den Herrn zugeschnitten. Wer diese drei Marken als Händler führt, trifft zu 90 Prozent den Geschmack der Kunden, egal, wer zur Türe hereinkommt. Das ist einfach eine runde Sache.

Haustex: Gibt es viele Händler, die das genau so leben?

Mohr: Ja, obwohl man sagen muss, dass wir überrascht und begeistert sind, wie stark diese beiden Lizenzmarken online angenommen werden. Es gibt hier eine Kundenschicht, die seit Jahren Esprit-Tücher oder Bugatti-Bademäntel kauft. Diese Kunden suchen online das Produkt. Wir haben über unterschiedliche Kanäle sehr gute Erfolge damit. Im stationären Handel ist da noch Aufholbedarf.

Haustex: Gilt auch hier Ihr Anspruch an Nachhaltigkeit?

Mohr: Es ist eine strategische Weichenstellung gemeinsam mit Esprit, dass wir auch hier künftig mit 100 Prozent Bio-Baumwolle produzieren und unsere nachhaltigen Gedanken auch in unsere Lizenzmarken einfließen lassen. Einfach, weil wir das für richtig halten.


Paul Mohr – zur Person

Paul Mohr absolvierte ein Studium der internationalen Betriebswirtschaftslehre in Wien. 2006 wechselte er zur Firma Vossen und führte dort anfangs als Assistent der Geschäftsleitung, ab 2010 als Prokurist den Bereich Marketing. Seit März 2013 ist er Geschäftsführer des Unternehmens und verantwortet in dieser Funktion unter anderem den Marketing- und Vertriebsbereich weltweit.


Vossen – in Kürze

Vossen GmbH & Co. KG
Vossenlände 1
8380 Jennersdorf
Österreich
Tel.: 0043/3329 400
E-Mail: info@vossen.com
Internet: www.vossen.com

Geschäftsführer:
Paul Mohr, Werner Blohmann

Produktionsstätten: Jennersdorf (A), Szentgotthard (H)
Jahresproduktion: ca. 6 Mio. Teile
Mitarbeiterzahl: 240

Produkte: Frottier-Handtücher, -Badetücher, -Strandtücher, -Bademäntel, Badteppiche
Marken: Vossen, Esprit, Bugatti
Exportquote: ca. 70 Prozent, in mehr als 40 Länder
wichtigste Absatzmärkte: Deutschland, Österreich, England
Paul Mohr, Vossen: „Wir wollen urban, chic und nachhaltig sein“
Foto/Grafik: Vossen
Paul Mohr absolvierte ein Studium der internationalen Betriebswirtschaftslehre in Wien. 2006 wechselte er zur Firma Vossen und führte dort anfangs als Assistent der Geschäftsleitung, ab 2010 als Prokurist den Bereich Marketing. Seit März 2013 ist er Geschäftsführer des Unternehmens und verantwortet in dieser Funktion unter anderem den Marketing- und Vertriebsbereich weltweit.
Paul Mohr, Vossen: „Wir wollen urban, chic und nachhaltig sein“
Foto/Grafik: Vossen
Hohe Saugkraft, ressourcenschonende Herstellung: Vossen hat seine erste Hanf-Kollektion auf den Markt gebracht.
Paul Mohr, Vossen: „Wir wollen urban, chic und nachhaltig sein“
Foto/Grafik: Vossen
Nachhaltige Produktentwicklung: Für die Frottiertücher der Serie Mystic werden teilrecycelte Garne verwendet.
Paul Mohr, Vossen: „Wir wollen urban, chic und nachhaltig sein“
Foto/Grafik: Vossen
Gemeinsam mit der österreichischen Brillenmarke Andy Wolf hat Vossen eine umfangreiche Frottierlinie entwickelt.
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